#metoo

Ein Hashtag, der die Gesellschaft spaltet. Auch mich. Es wird darüber geredet, in vielerlei Hinsicht – von Menschen, die sich selbst als Opfer bezeichnen und sehr in dieser Rolle aufgehen als auch von Menschen, die meinen dass es ach so witzig ist sich über die Thematik des sexuellen Missbrauchs lustig zu machen – ja genau, IHR seid die Größten …. Spacken dieser Welt. Und dann sind da die Überlebenden, zu denen auch ich mich zähle. Ich bin kein Opfer, das war ich eventuell damals bei der Tat – aber nicht mehr jetzt. Jetzt bin ich Überlebende. Denn auch ich wurde sexuell missbraucht.

 

(Achtung, der nachfolgende Text könnte eventuell andere Betroffene triggern also lest bitte wirklich nur weiter, wenn ihr psychisch in der Lage dazu seid)

 

Dieser sehr intime Text richtet sich vor allem an die, die weg geschaut haben. An die, die nicht zugehört haben. An die, die Grenzen überschritten haben. Oder sollte ich lieber sagen DER, der die Grenzen überschritten hat? Manchmal wünscht ich mir ja, du würdest das alles hier lesen, würdest sehen, wie es mir inzwischen geht. Damit du diesen fetten Mittelfinger von mir in deine Richtung siehst – du hast mich nicht vernichtet! Vielleicht einen Teil von mir, tief in mir drin, ja. Aber mich selbst konntest du nicht umbringen. Ich habe überlebt, trotz allem was du mir angetan hast.

 

Ich war gerade 16 Jahre alt geworden, als ‚es‘ passierte. Du warst mein erster fester Freund, ja meine erste große Liebe. Ich war so stolz, an deiner Seite zu sein. Zwei Jahre älter und bei der Feuerwehr warst du und ich habe zu dir aufgeschaut, ja dich regelrecht angehimmelt. Zumindest bis zu dem Tag, an dem du mich vergewaltigt hast. Ich kann mich noch gut erinnern, du dich auch? Erinnerst du dich daran, wie du mich erpresst hast? Wie du meintest, dass ich dich nicht lieben würde, wenn ich jetzt nicht dies und jenes tun würde? Erinnerst du dich, wie du meine Hände fest gegen das Kopfende meines Bettes gedrückt hast, während ich dich angefleht hab, mich gehen zu lassen? Erinnerst du dich an die Fingerabdrücke deiner Hände an meinen Handgelenken, die danach rot angeschwollen waren? Oder kannst du dich an den Geruch in dem Raum erinnern, an das Blut auf dem Laken? Nein? Ich schon. Jeden Tag erinnere ich mich daran. Du warst meine erste große Liebe und ich war nur ein Stück Fleisch für dich.

 

Hast du gedacht dass ich davon niemanden erzähle? Nun, du hattest sogar Recht, zumindest für eine Weile. Denn als ich mir Hilfe suchen wollte, wurde ich nur abgewiesen. Meine ‚Bezugspersonen‘ hörten meine Schreie nicht und auch der psychologische Schuldienst hatte nur die grandiose Idee, mich doch diesen Bezugspersonen anzuvertrauen. Auf die Idee zu kommen, dich anzuzeigen kam niemand – und ich allein hatte nicht die Kraft dazu. Ich wurde mit all meinem Schmerz allein gelassen. Aber ich habe es überlebt – und jetzt rede ich darüber. Ich bin kein Opfer mehr und schon gar nicht deins!

 

#me too – auch ich bin Überlebende von sexuellem Missbrauch

9 Kommentare zu „#metoo

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  1. Ich bin soeben zufällig via facebook auf deine Homepage gestossen. Und ich bin schwer beeindruckt, über deinen Mut öffentlich zu berichten, was dir widerfahren ist und wie du dich zurück ins Leben kämpfst! Ich wünsche dir nur das Beste und einen festen glauben daran, dass du es schaffst! Du, zusammen mit deinem Held Hodor!

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  2. Danke für deinen Text! Es sind persönliche Schilderungen, die mich bewegt haben. Es tut mir Leid und ich danke dir für diese ehrlichen Worte! Ich habe in den vergangenen Wochen viel nachgedacht und nach fünf Jahren endlich über eine sexuelle Belästigung gesprochen. Angezeigt hatte ich sie schon früher, darüber schreiben wollte und konnte ich nicht.. Vielleicht hast du Lust meinen Text zu lesen. Und – viel wichtiger – deine Eindrücke zu meinen Gedanken mit mir zu teilen. Ich danke dir nochmals für deinen Mut!
    https://frauk.blog/2017/11/16/vor-dem-gerichtstermin-pruefe-ich-mein-erscheinungsbild-metoo/

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    1. Vielen lieben Dank.
      Ich finde es ganz wichtig, dass sich auch mal getraut werden darf, über Themen zu reden die sonst jeder Tod schweigt. Anhand der Anzahl von psychisch Erkrankten in der heutigen Zeit und verübten oder probierten Suiziden sieht man ja, dass da so langsam mal Handlungsbedarf besteht.

      Gefällt 1 Person

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