Psychopharmaka – Fluch und Segen zugleich

9:33 Uhr, Donnerstag morgen. Ich sitze hier, zusammen gemümmelt auf meinem Sofa und starre auf den Laptop. Aktuell läuft mein Hirn auf Sparflamme und ich kann mich selbst nur schwer ertragen. Denn ich bin quasi seit einer Woche „clean“.

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Davor nahm ich seit inzwischen drei Jahren regelmäßig Antidepressiva. Ich habe einiges an Antidepressiva, Benzodiazepine und Neuroleptika ausprobiert oder ausprobieren sollen, von Citalopram über Escitalopram, Sertralin und Valdoxan zu Quetiapin, Atosil und Tavor war alles mit dabei. Nicht alles davon war/ist schlecht, ganz und gar nicht.

Von Citalopram und seiner „Schwester“ Escitalopram bekam ich super Antrieb, aber leider auch richtig heftig Schlafstörungen, sodass ich zum Teil regelmäßig 48 Stunden durchgehend wach war – wie auf einem schlechten Drogentrip. Außerdem habe ich bei beiden extrem zugenommen, zuletzt beim Escitalopram vor wenigen Wochen innerhalb 16 Tagen 8kg. Das ist vielleicht super, wenn man eh eine Bohnenstange ist, für jemand der sein Leben lang mit starkem Übergewicht und Essstörungen zu kämpfen hat, aber echt suboptimal.

Das Sertralin war das bisher am besten verträgliche Antidepressiva und auch das, welches ich am längsten nahm. Leider auch mit Einschlafstörungen und einer sexuellen Dysfunktion begleitet, was nun auch nicht soooooo toll ist. Wenn man als Frau eh schon mit PCOS (polyzystisches Ovarialsyndrom = hormonelle Störung die in meinem Fall mit extremen Zyklusstörungen, Hirsutismus (ungewöhnlich starke Körper- & Gesichtsbehaarung), Übergewicht und verminderte Fruchtbarkeit) leben muss und sich dadurch wie ein halber Mann fühlt, nicht unbedingt hilfreich wenn sexuell dann auch noch so gar nix mehr läuft. Also auch nicht das optimalste Antidepressiva (für mich).

Valdoxan war für kurze Zeit echt ein Wundermittel für mich, weil es mir half schnell ein- und dann auch durchzuschlafen. Leider hält diese Wirkung bei mir immer nur so die ersten ein bis zwei Wochen unter diesem Medikament an, danach hatte ich echt abgefahrene Alpträume, die zum Teil noch kranker waren als der Scheiß, mit dem ich mich eh nachts rumplage.

Das Quetiapin habe ich ehrlich gesagt gar nicht genommen, weil ich durch das Lesen des Beipackszettels (ja ich weiß, dumme Idee) einfach zu viel Angst davor entwickelt hatte.

Atosil und Tavor sind aktuell noch immer meine Bedarfsmedikamente, die mir so manches Mal den Arsch gerettet haben. Vom Atosil (ich nehm derzeit die Tropfen, da es in Tablettenform zu lang dauerte bis eine Wirkung eintrat), bekomm ich schnell Kreislaufprobleme, wenn ich es mehrere Tage hintereinander nehmen muss und manchmal wirken sie auch gar nicht, aber sonst ist es derzeit die erste Wahl, wenn mir der Boden unter den Füßen wegrutscht. Allerdings kann ich Atosil nur bis zu einem gewissen „Pegel“ nehmen. Ich führe für mich selbst so ein „Maß der Angst“ quasi. Dieser geht von 1 (alles tutti) bis 10 (ich sterbe). Ab einem Pegel von 5 reicht Atosil bei mir leider nicht mehr aus, dann benötige ich Tavor Expidet. Das Tavor ist echt Himmel und Hölle zugleich. Hölle weil es recht fix abhängig mach(en kann) und Himmel weil es wirklich das Einzige ist, was mich ab diesem gewissen Punkt noch beruhigen kann. Außerdem sind die Nebenwirkungen (in meinem Fall) wirklich minifitziwinigering, sprich ich hab gar keine Nebenwirkungen unter Tavor.

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Wie schon weiter oben angedeutet war das letzte Antidepressiva Escitalopram. Leider durch die Gewichtszunahme für mich persönlich ein absolutes „NO GO“ Medikament. Also musste ich auch dies wieder ausschleichen lassen. Die letze antidepressive Pille ist also jetzt ca eine Woche her, denn passend zu dem ganzen Scheiß ist mein Psychiater seit über 3 Wochen im Urlaub und/oder krank – und das im stetigen Wechsel. Allerdings auch gar nicht so verkehrt, denn seine Idee war es nun mit einem MAO Hemmer auszutesten, wofür man zuvor mindestens 14 Tage von SSRI oder SNRI Antidepressiva „runter sein“ muss, da es ansonsten zu einem sogenannten Serotonin Syndrom kommen kann, wat net ganz so lustig enden kann. Mein nächster Termin bei ihm ist also am 15.11., ich könnte zwar kommende Woche auch hin gehen (falls er dann nicht wieder krank ist…), aber ich war nun zwischendurch so oft dort auf der Suche nach Hilfe und er war krank oder im Urlaub, sodass ich kein Bock mehr auf diesen unnötigen Weg hab. An dem Termin werde ich mit ihm die aktuellen Möglichkeiten durchgehen, denn ich habe bei meiner Recherche auch noch zwei SNRI Antidepressiva gefunden, deren Nebenwirkungen für mich erträglich wären und die zusätzlich keine Auswirkung auf das Gewicht haben sollen bzw noch eher zu einer Gewichtsreduktion führen können.

Bis dahin heißt es durchhalten. Ja, denn leider bleibt mir tatsächlich keine andere Möglichkeit. Ich möchte mit keinem anderen Psychiater, der nicht mein behandelnder Facharzt ist und sich somit nicht mit meinen Ängsten und Sorgen auskennt, über eine Medikation diskutieren denn nachdem ich bei der PIA (psychiatrische Institutsambulanz) hier vor Ort angefragt habe, erfuhr ich dass diese nur für Kinder und Jugendliche zuständig sind und haben mich, auf der Bitte nach Hilfe, lediglich an die örtliche Psychiatrie verwiesen – ja nee is klar …. dann warte ich doch lieber. Aber danke für die nicht vorhandene Hilfe, wenn der eigene Psychiater mal verhindert ist. Manchmal wundert es mich echt nicht, dass viele Betroffene sich nicht helfen lassen wollen, wenn die ultimative Lösung für alles die Psychiatrie sein soll.

Für mich persönlich absolut keine Alternative. Auch wenn ich mich grad echt nicht mag. Aber auch das werde ich durchstehen und überleben, ich habe schon ganz andere Dinge überlebt.

Ein Kommentar zu „Psychopharmaka – Fluch und Segen zugleich

Gib deinen ab

  1. Citalopram war auch mein erstes AntiD. Bei Antriebslosigkeit wird das gerne gegeben. Mein damaliger Psych hatte aber wohl überhört, dass mir das ein und durchschlafen mehr Probleme machte und wenn man es mal logisch betrachtet, wohl die tägliche Antriebslosigkeit mangelndem Schlaf geschuldet sein könnte.
    Mittlerweile bin ich auf Mirtazapin eingeschossen, dass anfangs gut gegen meine Schwierigkeiten mit dem einschlafen geholfen hat, in höherer Dosierung aber auch mal in den nächsten Tag nachhängt. Die niedrige Dosierung wirkt bei mir aber auch nicht mehr wirklich und eigentlich nehm ich die wohl eher aus Gewohnheit. Lorazepam, also wohl das gleiche wie Tavor, ist auch meine Bedarfsmedi, hab sie aber bislang nicht oft gebraucht. Ich denke man sollte die Pillen nicht von vorne herein verteufeln, aber manchmal, ich kenne das von Mitpatienten, ist es wie Lotto spielen, wenn man Glück hat, hilfts. Man muss aber immer nen Vierwochenschein haben. Dauert halt immer, bis man was merkt, oder feststellt, das war wohl nix. LG

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