Wenn Kinder ihre Eltern verlassen

Kinder, die ihre eigenen Eltern verlassen, tun dies nie unbegründet. Die eigene Familie zu verlassen, diese krasse Grenze zu ziehen, ist für niemanden einfach. Und dann sieht man genau diese Eltern in der Zeitung, im Radio, im Fernsehen. Sie suchen ihre Kinder, weinen bitterliche Tränen. Für sie ist dieser Schritt nicht nachvollziehbar, schließlich sei doch nie was passiert. Ganz plötzlich habe sich ihr Kind abgewendet.

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Aber ist dies wirklich (immer) so? Ist es nicht eher (oftmals) ein schleichender Prozess, dessen Warnzeichen man hätte erkennen können? Meist sind Kinder, die ihre Eltern irgendwann verlassen, zuvor absolut loyal gegenüber ihre Eltern. Sie nehmen das, was an traumatischen Dingen innerhalb der Familie passiert, als normal an und meinen oft, ihre Eltern beschützen zu müssen. Denn schließlich hat man nur diese eine Familie. Und eigentlich…ja eigentlich sieht doch nach außen hin alles harmonisch aus.

So war es auch bei mir. Wenn jemand meine Familie verbal angegriffen hat, war ich wie eine kleine Raubkatze die dazwischen preschen und alle in Schutz nehmen musste. Doch irgendwann änderte sich diese Einstellung. Ich weiß inzwischen, dass ich jahrelang in dieser meiner Familie verloren war. Es sind Dinge passiert und Worte gefallen, welche kein Kind von einem Elternteil hören oder spüren sollte. Eine Familie zu haben bedeutet nicht, dass man sich jahrelang demütigen lassen muss. In einer Familie sollte man den Raum bekommen, sich entwickeln zu dürfen mit all seinen Stärken und Schwächen. In einer Familie sollte es keinerlei Form von Gewalt geben, sei es körperlich oder psychisch.

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„Der Kontaktabbruch ist eine absolute Grenze, denn er verhindert jeglichen Eingriff, jeglichen Übergriff, fast wie ein Suizid.“

Als ich diesen Satz gelesen habe, musste ich immer wieder zustimmend nicken. Denn für mich persönlich gab es tatsächlich nur diese beiden Möglichkeiten – der Suizid oder der Kontaktabbruch. Die Situation speziell mit meinen Eltern wurde für mich so unerträglich, dass ich tatsächlich darüber nachdachte, mich zu suizidieren. Wenn ich heutzutage darüber nachdenke, kann ich kaum fassen welch großen Schmerz ich mit mir herum getragen habe – und es noch immer tue. Denn durch den Kontaktabbruch sind die Erinnerungen ja nicht weg, das Passierte nicht vergangen. Es ist lediglich erträglicher für mich geworden.

Ich war über meine komplette Jugend hochgradig suizidal, eigentlich drehte sich mein ganzer Tag nur darum, wie ich mein Leben beenden kann oder wenigstens den Schmerz verstummen lassen kann. Die Selbstverletzung hatte einen hohen Stand in meiner Tagesordnung…und wenn ich es geschafft hätte, ja ich hätte mich ohne mit der Wimper zu zucken umgebracht. Hat das irgendjemand aus meiner Familie registriert? Nein. Für sie war alles Friede, Freude, Eierkuchen und ich der Störfaktor ihrer heilen Welt.

Ja, ich habe meine Familie verlassen. Und das alles andere als still und heimlich. Jahrelang habe ich geschrieen und geweint, doch niemand hat es sehen wollen. Auch im Nachhinein waren versuchte Erklärungen meinerseits „voll für den Arsch“, weil meine Realität nun mal anders aussah als die, in der meine Familienmitglieder gelebt haben. Für mich gab es nur diesen einen Ausweg, um zu überleben.

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Und nein, mich plagt kein schlechtes Gewissen. Ich möchte nicht gefunden werden, mir tut nicht leid was ich getan habe – nicht mehr.

4 Kommentare zu „Wenn Kinder ihre Eltern verlassen

Gib deinen ab

  1. Liebe Marisa,

    in diesem Blogpost finde ich mich zu 100% wieder!
    Den das Thema Kontaktabbruch zu den Eltern aus Selbstschutz ist Kernthema meines eigenen Blogs: https://himbeersplitter.blogspot.de

    Ein Jahr lang war ich (offenbar) dem Irrtum aufgesessen, ich könnte trotz allem eine Brücke des Dialogs zwischen meinen Eltern und mir schaffen. Die Brücke zerbrach…
    Meine Eltern tun das, was fast alle verlassenen Eltern tun: Sie pflegen ihre Opferrolle und halten althergebrachte Fassadenteile hoch…

    Ich wünsche Dir viel Kraft und alles Gute auf Deinem Weg!
    Und Deinen Hodor finde ich schnuckelig. Meine zweite Therapeutin hat auch einen Labrador (Mischling mit bissel Rottweiler drin). Manchmal darf sie in der Sitzung auch dabei sein… 💗

    Himbeere

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    1. Liebe Himbeere,
      leider verhalten sich die meisten Eltern so, dass eine vernünftig reflektierte Konversation in einem solchen Fall nicht mehr möglich ist. Wichtig ist, sich dann davon abgrenzen zu können, und zu schauen was einem gut tut, was man braucht etc pp. Ich persönlich habe die Hoffnung auf ein klärendes Gespräch aufgeben bzw interessiert es mich inzwischen nicht mal mehr.

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  2. Vielen Dank für diesen tollen Artikel.
    Wir sind wirklich nicht alleine.

    Meine Therapeutin meinte heute nich zu mir:
    „Wie soll so ein kleiner Junge begreifen, dass er seine Eltern schon verloren hat, bevor er richtig denken kann. Einfacher wäre es bestimmt gewesen, sie wären gestorben oder hätten ihn ganz verlassen“.

    Doch ich habe es erst fast 50 Jahre später geschafft, sie zu verlassen.
    Und sie verstehen bis heute nicht, warum.

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    1. Das sind wirklich gute Worte, die deine Therapeutin dafür gefunden hat.
      Und sie verdeutlichen auch, wie schwierig es für „uns Kinder“ ist, uns da abzulösen von diesen toxischen Bindungen.
      Meine Eltern verstehen es auch nicht, aber ich habe inzwischen gelernt dass ich mich dahingehend auch nicht mehr rechtfertigen muss.
      Wichtig ist nur, dass wir geschafft haben uns zu retten.

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