Emotionaler Missbrauch

Emotionaler oder auch psychisch/seelischer Missbrauch ist eine der häufigsten Missbrauchsformen überhaupt – und dennoch weitgehend unbekannt. Warum das so ist? Die Erklärung ist so einfach wie grausam zugleich. Wenn ein Missbrauch rein auf emotionaler Ebene und nicht körperlich stattfindet, wo bleiben dann die Narben? Richtig, im Inneren. Betroffene tragen keine Hämatome, gebrochene Gliedmaßen, Kratzspuren oder sonstiges davon. Zumindest nicht, solang sie sich diese nicht im Folge des Missbrauchs selbst zufügen – durch Selbstverletzung.


Beispiele des emotionalen Missbrauchs sind;

  • Mobbing
  • Liebesentzug und/oder Ignoranz
  • Vernachlässigung
  • Vorenthaltung des eigenen Wesens
  • Diktieren von Gefühlen „Hör auf zu weinen!“
  • Rollenumkehrung, bei der die Kinder plötzlich die Rolle des Erwachsenen einnehmen müssen und somit ihrem Alter entsprechend vollkommen überfordert sind
  • Einschüchterung durch Aggressionen
  • Androhung von Strafen und/oder Konsequenzen
  • psychische Manipulation
  • Kommunikationsverweigerung
  • emotionale Erpressung
  • Beleidigung / Erniedrigung „Du benimmst dich wie ein Baby / Wie blöd bist du eigentlich“
  • Isolation vom Familienleben, Sozialkontakten (auch Hausarrest kann dazu zählen)
  • Kontrolle (Tagebuch durchlesen, Briefe abfangen, Telefonate mithören)

Im Grunde könnte ich diese Liste noch weiterführen bis ins Unendliche, da mir so viele Arten von emotionalem Missbrauch einfallen würden. Aber diese Punkte sollten als Beispiele reichen.

Die „Täter“, im meisten Fall die eigenen Eltern und/oder spätere Partner oder Freundschaften, sind oft nach außen hin sehr kontrolliert und gefasst. Sie wirken nicht wie ein „typischer Täter“, was das Erkennen von dieser Form des Missbrauchs noch schwieriger macht. In meinem Fall ist sich der Verursacher (ja das Wort gefällt mir ein wenig besser als Täter) nicht mal selbst über seine Taten bewusst, vermutlich aufgrund eigener psychischer Erkrankungen.

Die „Opfer“ (ich nenne uns lieber Überlebende) haben gelernt, niemandem etwas zu sagen. Schließlich ist es für jemanden, der emotionalen Missbrauch erlebt – gerade in der Kindheit – perfider weise normal, was einem da angetan wird. Ich zum Beispiel habe sehr lange meine „Verursacher“ be- und geschützt. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich in Wahrheit unschuldig bin und nicht verdient habe, so behandelt zu werden. Immerhin wird man jahrelang dazu gedrillt, der Sündenbock zu sein.


…und seine Folgen

Die Folgen von emotionalen (psychische, seelischen) und körperlichen (sexuellen) Missbrauchs sind eigentlich oft identisch weswegen ich (und weil ich beides erlebt habe) auch nicht sagen kann, was „schlimmer“ war. Ja, richtig….genau danach werde ich oft gefragt, ernsthaft. Aber was bitte soll schlimmer sein? Von seiner Bezugsperson so behandelt zu werden oder von seinem eigenen Freund gegen seinen Willen genommen zu werden….na Prost Mahlzeit, wer da eine „Skala des Schlimmeren“ ermessen kann. Für mich war beides grausam und ich trage von beidem meine Narben – vermutlich mein Leben lang – mit mir.

Für mich persönlich waren die Folgen des Missbrauchs;

  • kein Selbstbewusstsein
  • Schuldgefühle
  • andauernde Wut, Trauer und Angst
  • Depressionen
  • posttraumatische Belastungsstörung
  • Schlafstörungen
  • körperliche Symptome (Reizdarm, Migräne)
  • Angststörung
  • Panikattacken
  • Essstörung
  • Persönlichkeitsstörung

Mit hat geholfen, die „Taten“ anzuerkennen als etwas, was NICHT normal war. Ich brauche KEINE Verantwortung zu übernehmen für das Verhalten meiner damaligen Bezugsperson. Ich bin NICHT schuld!!!! Und ich habe zum Glück inzwischen psychologische Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten.

3 Kommentare zu „Emotionaler Missbrauch

Gib deinen ab

  1. Es ist beides schlimm. Sehr schlimm.

    Ich habe nur den emotionalen Missbrauch miterlebt.
    Schlimm ist es auch, wenn man dann irgendwann, jahrzente später immer noch darunter leidet, und eine (möchtegern)Psychologin im Aufnahmegespräch einer psychosomatischen Klinik, nach 5 Minuten sagt, dass man gar keine posttraumatische Beslastungsstörung haben kann. Weil es eben gar nicht dieses ein traumatisierende Erlebnis gab.
    Schlimm ist, wenn man dann mit dieser Traumatisierung in der Klinik allein gelassen wird.
    Schlimm ist, dass solche Menschen überhaupt als Psychologen arbneiten dürfen.
    Eine PTBS kann auch aus einem Entwicklungstrauma entstehen.

    Und ja, wir brauchen dafür keine Verantwortung übernehmen, uns trifft keine Schuld.
    Aber auch das müssen wir ers verstehen und annehmen.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich weiß schon warum ich mich vor jeglichen Klinikaufenthalt wehre. Wir PTBSler werden ja gern noch immer belächelt, als Borderliner diagnostiziert oder dergleichen.
      Das tut mir sehr leid dass du solche Erfahrungen machen musstest!

      Gefällt mir

      1. Danke.
        Oh ja. Wir müssen das doch einfach nur mal vergessen, und dann ist gut.
        PTBS und Borderline kommt aber durchaus auch zusammen vor.
        Bei mir ist nach langen hin und her beides jetzt gesichert diagnostiziert.
        Es war aber ein elendig lang drehendes Diagnosekarussell.
        Alle Ärzte, Therapeuten, Psychiater und Psychologen ihren Senf dazu geben.
        Mir ist der Kragen geplatzt.
        Habe allen gesagt, dass jetzt Schluss ist.
        Ich möchte keine weitere Diagnose mehr hören.

        Gefällt 1 Person

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