Innerliches Sterben

Ich sterbe. Innerlich. Jeden Tag ein wenig mehr.

So fühlt es sich leider an, viel zu oft.

Es gibt Phasen, wo ich jeden Tag mit dem Tod konfrontiert werde. Tage, wo ich fast durchgehend, vom aufstehen morgens bis ich irgendwann vollkommen erschöpft in den Schlaf falle, Todesängsten ausgesetzt bin. Tage, Stunden, Minuten, Sekunden, wo mein Körper unter Hochspannung arbeitet – vollkommen verkrampft und immer mit den Gedanken im Hinterkopf, dass es das nun gewesen sein könnte.

Es ist nicht nur ein Nachdenken darüber, dass es irgendwann vorbei sein wird. Nein, es ist die schiere Panik, das Gefühl JETZT sterben zu müssen – tagtäglich. Seit wann ich diese Gedanken und Ängste habe? Ich kann mich an erste Panikattacken diesbezüglich in frühester Kindheit erinnern. Zwischendrin gibt es Tage, vielleicht auch Monate oder manchmal auch ein ganzes Jahr, wo ich in Ruhe gelassen werde – bis es mich dann wieder packt. 33 werde ich im kommenden Jahr. Von diesen 33 Jahren lebe ich mindestens 25 Jahre mit Panikattacken. Das ist schon krass, selbst für mich, das so mal auszusprechen. Zumal ich das alles ja vor einer Weile noch erfolgreich verdrängt hatte und nichts davon gewusst haben wollte. Es ist interessant, wie sich die Psyche durch Amnesien und Überschreiben des Erlebten schützen kann. Umso schlimmer, wenn diese erstellte Welt dann irgendwann wieder zusammen bricht und man von Vorn beginnen kann.

25 Jahre also. Muss ich nun Jubiläum feiern? Seit 25 Jahren nun hälst du mich mehr oder weniger auf Trab, liebe Angst. Du lässt mich seit 25 Jahren zeitweise tagtäglich glauben, dass ich jetzt sofort sterben müsse…aber schlussendlich habe ich dich schon 25 Jahre lang überlebt. 25 Jahre sind eine lange Zeit, und nur zu oft kann ich die Menschen, die dich nicht mehr überleben wollen, nicht mehr überleben können, gut verstehen. Generell sollte jeder Mensch frei über seinen Tod und die Art dessen entscheiden dürfen, soweit wie es eben möglich ist. Also entscheide ich mich, jeden Tag aufs Neue. Du kannst mich noch so einschüchtern, mürbe bekommst du mich nicht! Denn ich entscheide mich, nicht zu sterben. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht wegen dir.

Ich sterbe, innerlich. Jeden Tag ein wenig mehr. Aber ich wachse daran, jeden Tag ein Stückchen mehr. Und eins kann die Angst nicht – meine unsterbliche Lebenslust vermiesen. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht wegen ihr.

2 Kommentare zu „Innerliches Sterben

Gib deinen ab

  1. das leben verabreicht einem oft wirklich harte dinge, mit denen es uns fertig werden lässt. 25 jahre mit angststörung, das klingt fürchterlich. ich kenne gewisse ängste auch, aber sicher nicht in diesem ausmaß und es ist unheimlich und fürchterlich, wie sehr sie einen blockieren können. es ist schön zu lesen, dass es für dich dennoch ein positives fazit daraus gibt und dass du immer wieder aufs neue versuchst, einen weg zu finden, damit umzugehen…

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  2. Fühl Dich umarmt und verstanden, liebe Marisa. Ich kenne diese „Auf“ & „Ab“s bestens. Ich bin gerade „oben“. „Oben“ heißt, mein komplettes Leben zieht fast emotionslos wie in einem Film an mir vorbei. Ich breche nicht zusammen – ertrage sogar Einiges.
    Gestern habe ich Geld für einen Jungen gespendet, dessen Eltern Geld für eine Assistenzhundeausbildung sammeln. Die Aufmerksamkeit darauf hätte ich SO ohne Deinen Blog hier nicht gehabt. Es ist für Außenstehende nicht durch 2 bis 3 Worte einfach nachvollziehbar, WARUM ein Assistenzhund so wichtig ist und warum die Ausbildung dafür soviel, wie ein guter Mittelklassewagen kosten kann. Das ist keine „böse“ Absicht – nur Unwissen. Danke, für Deine Aufklärung darüber… 😘

    Liebe Grüße und ein gutes, neues Jahr 2018 wünscht Dir die Himbeere mit ihren Himbeersplittern

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