Schmerz loslassen

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In obiger Geschichte ging es um die Angst vor dem Zahnschmerz. Die hatte ich erfolgreich losgelassen. Ich hatte den Schmerz angenommen, ihn begrüßt und ihm die Anwesenheit gestattet. Deswegen ging er weg.

Aber viele meiner Freunde, die große Schmerzen erleiden mussten, haben diese Methode ausprobiert und versichern, dass sie nicht funktioniert. Sie beschweren sich bei mir und behaupten, meine Zahnschmerzen wären mit den Qualen, die sie durchmachen müssten, überhaupt nicht vergleichbar. Das stimmt nicht.

Schmerz ist sehr persönlich und kann nicht gemessen oder aufgewogen werden. Um diesen Leuten zu erklären, weshalb das Verfahren bei ihnen nicht funktioniert, erzähle ich gern die Geschichte meiner drei Schüler.

Der erste Schüler hat große Schmerzen und versucht loszulassen.

„Loslassen“, schlägt er sich selbst sanft vor und wartet ab.

„Loslassen“, wiederholt er, wenn sich überhaupt nichts verändert.

„Jetzt lass doch los!“

„Mach schon! Lass endlich los!“

„Was soll ich denn noch sagen? Los-las-sen!“

Das klingt zwar recht komisch, aber genauso handeln wir meistens. Wir lassen das Verkehrte los. Wir sollten den Spruch „Loslassen“ loslassen, den „Kontroll-Freak“, der in uns wohnt. Wir alle wissen, was damit gemeint ist. Loslassen bedeutet, die Kontrolle aufzugeben.

Der zweite Schüler hat auch entsetzliche Schmerzen. Doch er erinnert sich an diesen Rat und verabschiedet den Kontrolleur. So bleibt er mit seinem Schmerz sitzen, obwohl er denkt, dass er losgelassen hat. Nach zehn Minuten quält ihn immer noch dieselbe Pein, und dann beschwert er sich, dass es mit dem Loslassen nicht funktioniere.

Ich führe daraufhin aus, dass man durch das Loslassen nicht den Schmerz loswird, sondern ihm die Gelegenheit gibt, sich zu verabschieden. Der zweite Schüler hatte versucht, mit dem Schmerz zu verhandeln: „Ich lasse dich zehn Minuten lang los, Schmerz, und dann wirst du gefälligst verschwinden, ok?“

Damit lässt man den Schmerz nicht los, sondern versucht, ihn zu beseitigen.

Der dritte Schüler, der entsetzliche Qualen leidet, sagt zum Schmerz etwa Folgendes: „Schmerz, die Tür zu meinem Herzen steht dir offen, ganz gleich, was du mir antust. Tritt ein.“

Dieser dritte Schüler ist gänzlich dazu bereit, dem Schmerz ein Bleiberecht einzuräumen, ihn bei sich zu behalten, solange der Schmerz dies will und sei es für den Rest seines Lebens. Sogar, wenn er sich noch weiter verschlimmern sollte. Er lässt dem Schmerz Freiheit und hat es aufgegeben, ihn kontrollieren zu wollen. Das ist das wahre Loslassen. Dabei ist es gleichgültig, ob der Schmerz bleibt oder verschwindet.

Nur dann wird er weggehen.

(Quelle: Die Kuh, die weinte von Ajahn Brahm)

dav

Eine Geschichte, zu der ich eigentlich so viel und dann wiederum so gar nichts sagen möchte. Das Buch „Die Kuh, die weinte“, ist voller solcher buddhistischer Geschichten über den Weg zum Glück und ich habe es mir gekauft gehabt, nachdem meine Therapeutin mir zwei der unzähligen Geschichten mal während der Stunde vorgelesen hatte.

Diese hier hat es mir besonders angetan, denn es geht um etwas was ich zum Teil jeden Tag spüre – den Schmerz und die Angst. Teilweise so sehr, dass mein ganzer Tag nur da nach bestimmt wird, wie sehr tut es heut weh? Wie groß ist die Angst? Kann ich dies oder jenes heut überhaupt erledigen, oder ziehe ich mich lieber in mein Schneckenhaus zurück? Oft genug ist es so.

Aber, wie meine Therapeutin immer so schön sagt: „Dann ist das so.“ Ja, so ist es. Radikale Akzeptanz, was mich selbst angeht, was meine Ängste angeht, was alles angeht was so in meinem Köpfchen umher spukt. Ich kann Vergangenes sowieso nicht ändern. Und was in Zukunft passiert, ja…eventuell habe ich da ein klitzekleines Mitspracherecht, in dem wie es aussehen könnte…und dann kommt es doch eh anders. Ich kann es also nicht vorhersehen. Und ich will es eigentlich auch gar nicht. Was ich will ist, akzeptieren zu lernen.

5So ist es. Komm, Angst. Sei nicht weiterhin mein Feind. Komm her, setz dich zu mir. Ich bin Marisa, aber du kennst mich ja schon. Diesmal will ich dich nicht von mir wegstoßen. Du sollst willkommen sein in meinem Herzen, solang wie du dich hier aufhalten willst. Ich weiß, du wirst deine Krallen ausfahren und es kann dadurch auch noch viel schlimmer sein als jetzt gerade, aber dann ist das so. Du bist dennoch ein willkommener Gast bei mir. Komm, setz dich zu mir liebe Angst.


Erstaunlicherweise funktioniert das wirklich sehr gut. Ich bin wahrlich kein Meister des Akzeptieren meiner Ängste, aber je öfter ich es versuche, um so mehr Veränderung merke ich. In den Anfängen meiner schweren Panikattacken habe ich immer dagegen gekämpft. Ich wollte die Angst so schnell wie möglich wieder los werden – natürlich! Denn es tut weh, es macht Angst…man hat gelernt, während der Angst gibt es nur drei Möglichkeiten: kämpfen, fliehen oder einfrieren (sich tot stellen). Aber es gibt auch einen Mittelweg. Akzeptanz, radikale Akzeptanz. Einfach ist dies wahrlich nicht, aber einen Versuch wert.

Es ist okay, wie es ist. Auch wenn es gerade Angst bereitet, dann ist das so. Herzrasen und Schweißausbrüche kommen…und gehen aber auch wieder. Wenn ich mich versuche, zu entspannen, auf meine Atmung zu achten, und die Gefühle einfach mal dort sein lasse, wo und wie sie gerade sind, ohne zu analysieren, ohne zu hinterfragen, dann merke ich jedes Mal aufs Neue, wie sich mein Körper immer schneller beruhigt. Es ist okay, wie es ist.

2 Kommentare zu „Schmerz loslassen

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