Kinderwunsch?

„Haben sie Kinder? Nein? Ach wie schade, aber sie wünschen sich doch sicher welche, oder?!“

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Mit dieser Frage…oder nein, es ist eigentlich keine Frage, sondern eine Aussage, werde ich immer wieder konfrontiert. Ja, ich bin über 30 Jahre alt und habe keine Kinder. Und ich weiß nicht, aber ich wünsche mir eigentlich auch keine. Schlimm?

Ja, für die meisten Menschen scheinbar schon. Ab einem gewissen Alter scheint man sich als Frau rechtfertigen zu müssen, warum man noch nicht produktiv war und Nachwuchs kreiert hat. Die Gesellschaft suggeriert uns Frauen nur allzu oft, dass wir nichts wert sind ohne Nachkommen. Wiederum sollen wir aber auch weiterhin Vollzeit arbeiten gehen, nebenbei den Haushalt stemmen und als Gebärmaschine fungieren.


Und ja, auch für mich war es einst der größte Wunsch, Mutter zu sein. Ich wollte immer früh Kinder bekommen, um genau zu sein wollte ich mit Mitte 20 meine Kinderplanung abgeschlossen haben, eine Meute von mindestens drei kleinen Rackern um mich rumrennen haben und glücklich und zufrieden mein Mutter Dasein genießen. Aber im Leben kommt es nun mal selten so, wie man sich das gewünscht hatte. Denn mit Mitte 20 hatte ich gerade meine erste gescheiterte Ehe hinter mir. Er wollte unbedingt Kinder, ich konnte ihm keine gebären. Warum? Ich denke da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen bin ich unter dem PCO Syndrom erkrankt, das ist eine Stoffwechselstörung, die wiederum kurz ausgedrückt zu Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit beziehungsweise vermehrter Fehlgeburten führt. Zum anderen war ich auch zu diesem Zeitpunkt schon nicht auf der Höhe, was meine psychische Gesundheit betrifft. Nach der gescheiterten Beziehung hatte ich also schon zwei Fehlgeburten hinter mir – von der einen habe ich erst im Nachhinein erfahren und wusste zuvor auch nichts von der Schwangerschaft, bei der zweiten stand direkt bei der ersten Ultraschalluntersuchung fest, dass das kleine Ding da in mir nicht lebt. Unter anderem waren diese Erlebnisse ausschlaggebend für das Scheitern meiner damaligen Beziehung. Mein Exmann hat sich in Alkohol und Arbeit geflüchtet, ich in Drogen und Parties. Keine gute Kombination.

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Nachdem ich das alles einigermaßen verarbeitet bekommen hatte, seit Jahren keine Drogen mehr angefasst hab und neu verheiratet war, folgte 2016 die dritte und wohl schlimmste Fehlgeburt. Diesmal wusste ich von der Schwangerschaft. Ich war beim Frauenarzt, er zeigte mir die kleine Erbse, beglückwünschte mich zu meiner Schwangerschaft und wir machten einen erneuten Termin zur HCG Bestimmung aus, bei dem ich dann auch den Mutterpass bekommen sollte. Eigentlich hätte mich diese Untersuchung schon stutzig machen sollen. Ich hatte immer gedacht, man bekäme direkt ein Ultraschallbild welches man dann voller Stolz umher zeigen könnte – ich bekam keins. Auch meinte er, dass ich wohl so round about in der sechsten Woche sei, was rein rechnerisch nicht stimmen konnte – nach meinen Berechnungen hätte ich schon in der achten oder neunten Woche sein sollen….aber man macht sich in dem Moment ja keine Gedanken darüber. Ich hatte einfach viel mit mir und meinen Glückshormonen zu tun. Ich bekam direkt Progesteron von ihm verschrieben und so ging ich also nach Hause. Schon wenige Tage später hatte ich ein komisches Gefühl im Unterleib. Irgendwie tat es weh, aber nicht dieses Gebärmutter-ausdehnen-weh-tun, sondern anders. Mein Frauenarzt war natürlich zu dem Zeitpunkt im Urlaub, sodass ich zu seiner Vertretung ging, die dann im Ultraschall keine intakte Schwangerschaft feststellen konnte. Sie schickte mich direkt zum Labor um meinen HCG Wert bestimmen zu lassen und von dort aus nach Hause.

 

Einen Tag später folgte der Anruf: Der HCG Wert sei nicht hoch genug für eine intakte Schwangerschaft. Ich solle mich auf eine „natürliche Fehlgeburt“ vorbereiten.

Ich sollte mich also vorbereiten, aber worauf genau und was und wie überhaupt, sagte man mir nicht. Nur dass ich in einigen Tagen zum Kontroll Ultraschall kommen solle. Was darauf folgte waren die wohl mitunter traumatischsten Tage in meinem Leben. Ich bekam keine Ausschabung, keine Hilfe von Hebammen, an die ich mich laut Internet hätte wenden sollen. Für so etwas habe man keine Zeit, schließlich gäbe es viele intakte Schwangerschaften, die betreut werden müssen. Ja, genau so wurde es mir gesagt. Mich erwartete also eine kleine Geburt, ohne jegliche Hilfe. Ich bekam wehenartige Krämpfe. Blutungen. Starke Blutungen. Währenddessen trieb mein Baby aus. Momente, Stunden und Tage, die ich in meinem ganzen Leben niemals vergessen werde.

 

 


Ob ich Kinder haben will, werde ich gefragt. Ja klar, sage ich und nicke. Am liebsten würde ich NEIN schreien. NEIN, ich will keine Kinder denn ich will nie wieder diese Schmerzen erleiden müssen, ich will nie wieder diese Ängste durchstehen müssen! Ich bin nicht stark genug, um so etwas noch einmal zu durchstehen. Ich habe drei Fehlgeburten hinter mir, drei!!! Diesen Schmerz, diese Trauer und Wut wünsche ich niemandem.

Aber wen interessiert es schon? Wer möchte diese Geschichte hören, während er/sie fragt, ob man sich Kinder wünsche? Niemand. Sie wollten nur hören: Ja, na klar. Und dabei ein freundliches Nicken sehen.

 

 

5 Kommentare zu „Kinderwunsch?

Gib deinen ab

  1. Das ist eine ganz harte Geschichte mit so viel Traurigkeit in und zwischen den Zeilen. Und da kann auch niemand helfen. Sehr mutig, dass du deine Erfahrung teilst. Und vielleicht ein Schritt aus dem ganz dunklen, traurigen Teil. Ich wünsche dir viel Kraft und keine Leute, die dich immer fragen.

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  2. Es stimmt mich traurig zu lesen das du dies durchmachen musstest. Besonders die Hebammenreaktionen machen mich nicht gerade stolz auf meine zukünftigen kollegen. Es lässt mich fassungslos. Es tut mir so unsagbat leid was du erleben musstest. 😥
    Und es ist so traurig das keiner ein Nein auf diese Frage zu hören wollen scheint – ist es da nicht wie mit dem wie gehts dir- gut bei losen Bekannten?

    Mich hat dein Post sehr bewegt. Ich hatte zwar das Glück meine Tochter lebend auf die Welt zu bringen doch es war sehr traumatisch. Ich kann (soweit es mir möglich ist vom Lesen und meinen Erfahrungen) nachvollziehen warum du dich dem nicht nochmal aussetzen willst und das diese Frage gewiss auch immer die Erinnerungen wiederbringt.
    Ich hoffe wir dchaffen es uns mit mehr Respekt zu begegnen und zu begreifen, dass nicht jeder die Gleichen Ansichten hat.
    Ich wünsche dir und Hodor alles gute und bin froh das er bestimmt auch für dich dich da ist wenn du wieder so eine besch***ene Frage / Aussage gestellt bekommst.
    Alles Alles Liebe aus ME

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    1. Hallo Friederike.

      Du hast Recht, es ist ein wenig wie die ‚wie geht’s dir‘ Frage bei losen Bekannten. Ich sag einfach ‚ja‘ oder ‚gut‘, weil es sich mit einigen einfach nicht zu diskutieren lohnt.

      Und ja, die Antworten der Hebammen haben mich auch sehr schockiert. So als ob eine Fehlgeburt in diesem Stadium nicht wichtig sei oder als ob sie es nicht wert sei, denn schließlich ist es ja nix Lebendes mehr. Fand ich echt seltsam, eigentlich stelle ich mir die Arbeitsweise von Hebammen etwas anders vor und hoffe, dass es sich hierbei auch einfach nur um ‚einen Griff ins Klo‘ gehandelt hat.

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