Bodyshaming – wie ich lernte, meinen Körper zu hassen

Als ich ein Kind war, hieß es ich sei zu fett. Sobald ich ein ärmelloses Top anzog oder einen knielangen Rock, lachtet ihr mich aus. Ich hatte viele Spitznamen. Fettmops, Doubleface und Tittenlilly waren nur einige davon.

 

Ich fing an, Diät zu halten, zum Teil freiwillig, zum Teil nicht, mit gerade mal 12 Jahren. Ich nahm Abführmittel, ich hungerte tagelang oder trank lediglich Gemüsebrühe. Ich versuchte, mir den Finger in den Hals zu stecken, sobald ich etwas essbares drin hatte, aber es klappte nicht. Ich stellte meine Ernährung um und trieb Sport. Ich band mir meine Brüste ab, trug mehrere enge Tops übereinander zum vermeintlichen Fett wegquetschen oder band mir meinen Bauch mit Frischhaltefolie ab.

 

Geholfen hat das alles nicht.

 

Mit 60kg war ich euch zu fett. Ich versuchte, abzunehmen. Mit 55kg war ich aber immer noch zu fett. Ich war frustriert und fiel in ein Loch. 65kg. 70kg. 75kg. Zu fett. 80kg, 85kg, 90kg, zu fett. Mein Ekel vor mir selbst verpackte ich fein ordentlich in mir drin. Selbsthass. Haschisch, Alkohol und die Scherbe meines Spiegels waren mein Ventil. Ich konsumierte Drogen, fraß mich voll und ritzte mich, um dem Druck stand zu halten. 95kg, 100kg, 110kg, 120kg. Ich hasste mich. 130kg, 140kg. 143kg. Jetzt war ich fett. Endlich war ich so, wie mich eh alle nannten. Fett, ungelenk und ständig verschwitzt. Meine Ärzte sprachen mich ständig auf mein starkes Übergewicht an, wollten mir Tipps geben.  Auf der Straße guckten mich die Leute an und lästerten hinter meinem Rücken.

 

„Guck mal, die Dicke, wie ekelhaft. Null Disziplin.“

 

Jede Stufe fiel mir schwer. Schuhe zubinden, in die Hocke gehen um etwas aufzuheben, eine Qual. Aber ich konnte bis dato nicht aufhören. Drogen, Essen, Ritzen. Es war weiterhin Teil meiner Welt. Und jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaute, wuchs der Hass auf mich.

 

So konnte und wollte ich nicht mehr leben.

 

140kg. Ein kleiner erster Schritt. 130kg. Eine Last weniger. 120kg. Wohl fühle ich mich dennoch nicht. 110kg. Es stagniert. Seit Wochen. Wenn ich mich angucke, ich sehe kaum einen Unterschied zu vorher. Andere sagen, mein Gesicht sei schmaler. Ich fühle mich fett und unnütz.

 

Es brauchte tatsächlich Jahre, dass ich im Sommer keine langen Jeans mit langärmligen Sweatshirt mehr trage. Denn meine Kleidung war immer mein Panzer. Unter Lagen voller Stoff konnte ich diesen unförmigen Körper verstecken. Ich erwische mich noch heute, dass ich mich dafür schäme ein ärmelloses Top zu tragen. Meine Oberarme zu fett, alles schwabbelt fröhlich vor sich rum, lauter Dehnungsstreifen und einige Narben, die mir vorkommen wie eine Leuchtreklame.

 

„Bitte einmal hier drauf glotzen, danke“

 

Ja, ich traue mich kaum, mich im Sommer dem Wetter entsprechend anzuziehen. So groß ist die Angst vor den Blicken und Sprüchen. Ich habe mir vor ein paar Tagen Sandalen gekauft, für mich ein großer Schritt. Denn auch meine Füße sind, natürlich, zu fett. Ich trage noch immer lange Hosen, aber zumindest sind sie luftdurchlässig. Die kürzeren Hosen liegen unbenutzt rum, draußen trau ich mich nicht, sie zu tragen. T-Shirts gehen, da ist ja alles gut verpackt. Ärmellose Tops….alter Falter, ich wusste gar nicht was das für eine Lebensqualität ist, wenn man mal mehr Luft obenrum abbekommt!

 

Aber genau das möchte ich ja eigentlich, Lebensqualität gewinnen. Egal, welches Gewicht die Waage gerade anzeigt. Egal, was andere sagen. Deswegen atme ich dreimal tief durch und ziehe dieses ärmellose Top an – und gehe damit verdammt nochmal raus!!!!

4 Kommentare zu „Bodyshaming – wie ich lernte, meinen Körper zu hassen

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  1. Marisa, du sprichst mir so aus der Seele… ich kenne das so verdammt gut!
    Bei mir fing das Bodyshaming durch die eigene Mutter an – und sie tut es bis heute, wobei sie mittlerweile immer sagt es ginge ihr um meine Gesundheit. Wie nur soll ich darauf wirklich vertrauen?
    Ich finde es so mutig, dass du hier deine Geschichte mit den Leuten teilst, die es mitleben wollen.
    Ich glaube ich werde dazu irgendwie nie in der Lage sein… aus Angst, da ich Dinge in meiner Familie nie erzählte, da ich mich nie wehrte, niemanden anklagte… Und imemrnoch glaube, dass es nicht recht wäre dies zu tun…

    Fühl dich – wenn du willst – ganz fest umarmt. Ich hoffe, dass auch ihr noch einige Sonnentage habt, jetzt im schönen Herbst 🙂

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      1. Marisa – tut mir leid, ich wollte dich garantiert nicht runterziehen…
        Aber das ist wohl das Thema was mich am meisten mit beschäftigt… Und eventuell auch, was mich am meisten zerstört – nein, sagen wir mal ’nachhaltig geprägt‘ – hat.
        Aber ja, das ist wohl womit auch ich mich noch lange werde auseinandersetzen müssen…
        Du schaffst das! Bist so eine tolle Frau!

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      2. Runter gezogen hast du mich definitiv nicht, keine Sorge 😉 Mir ist nur nochmal klar geworden, wie präsent das Thema jetzt gerade aktuell auch wieder ist und wie schön der Text aber auch geschrieben ist von mir. Möchte ihn unbedingt meiner Therapeutin zeigen, damit sie mich besser versteht.

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